
Leise Panflötenmusik im Hintergrund ist ausdrücklich erlaubt.
Setz dich bequem hin. Lass die Schultern sinken. Schließe die Augen, wenn du magst.
Atme ein. Und atme aus.
Richte deine Aufmerksamkeit nun ganz sanft auf deine Oberlippe. Spüre, was dort ist. Drei Wochen lang hat dein Rasierer im Exil verbracht, verbannt aus dem Badezimmer. Drei Wochen lang durfte hier etwas wachsen.
Und heute Morgen ist alles gefallen – alles, bis auf das Wesentliche.
Nimm es wahr, ohne es zu bewerten. Das ist dein Schnörres. Er ist genau richtig, so wie er ist.
Wenn du in deiner Praxis schon etwas fortgeschrittener bist, lass deine Aufmerksamkeit weiterwandern, die Wangen hinauf. Vielleicht spürst du dort deine Koteletten. Begrüße auch sie. Auch sie gehören zu dir.
Wandere nun langsam durch deinen Körper. Über die Schultern, den Arm hinunter, bis in deine Hand. In dieser Hand liegt ein Ball. Wirf ihn hoch. Atme aus. Und gib alles, was du loslassen möchtest, in diesen Ball. Spüre, wie er auf der anderen Seite des Netzes landet, unerreichbar für die Annahme. Atme ein. Atme aus. Wieder und wieder. So fühlten sich an diesem Tag unsere Aufschläge an.
Vielleicht bemerkst du auch, dass Gedanken aufsteigen. Gedanken an das Schiedsgericht. An einen Ball, der doch ganz eindeutig im Aus war. Das ist ganz normal. Nimm diese Gedanken wahr. Und dann lass sie weiterziehen, wie Wolken am Himmel. Du bist nicht deine Diskussion mit dem Schiedsgericht.
Der erste Satz gegen Ötisheim war so eine Wolke. Spüre, wie sich aus einer 13:8-Führung langsam Spannung aufbaut. 20:20. Hier ruft Hella, unsere Meditationslehrerin, die Gruppe zu sich. Ihre Worte sind ruhig und klar: Nicht so hektisch. Tief durchatmen. Ganz locker. Ganz entspannt. Und wir atmen. 25:23.
Spüre, wie du nun in einen Zustand gleitest, den Fortgeschrittene „Flow“ nennen. Ein Mantra steigt in dir auf. Sprich es innerlich mit: So nen Schnörres kann man nicht rasieren. So nen Schnörres kann man nicht rasieren. Ötisheim nimmt beim Stand von 2:5 und 3:10 seine Auszeiten. Es hilft nichts. Beim Satzball nimmt Hella trotzdem noch eine Auszeit, nur um sicherzugehen, dass auch wirklich alle noch atmen. 25:19. Auch der dritte Satz zieht vorbei, sanft wie ein Fluss: 25:18. Fehler kommen. Und Fehler gehen. Heute kamen sie bemerkenswert selten.
Nun begegnet dir der zweite Gegner des Tages, die TG Ötigheim. Vielleicht bemerkst du, wie ähnlich dieser Name dem ersten ist. Ötisheim. Ötigheim. Nur ein einziger Buchstabe trennt sie. Nimm diesen Unterschied wahr. Bewerte ihn nicht.
Lass uns gemeinsam die Wechselatmung üben. Einatmen: Schnörres rein. Ausatmen: Schnörres raus. Einatmen: Schnörres rein. Ausatmen: Schnörres raus. Alle zwölf Schnörres kommen an diesem Tag zum Einsatz.
Spüre die tiefe, friedvolle Wahrheit, die sich jetzt in dir ausbreitet: Ohne Schnörres habt ihr keine Chance. Das ist keine Wertung. Nur eine Beobachtung. 25:14. 25:16. 25:13. Nach 69 Minuten ist alles vorbei. Eine Auszeit brauchen wir nicht mehr. Die Atmung sitzt.
Wir kommen zur Übung der liebenden Güte. Denke an die Menschen um dich herum. An unsere Damen 2, die nebenan gegen die SG Ersingen-Ispringen-Pforzheim 3 spielen. Spüre ihre Anspannung beim 1:2-Satzrückstand. Schicke ihnen deine Energie, so laut, wie es eine schnurrbärtige H1 an der Seitenlinie eben kann. Und spüre die Freude, als sie das Spiel noch zu einem 3:2 drehen.
Und zuletzt: Denke an Menschen, mit denen es dir schwerfällt. An das Schiedsgericht aus dem ersten Satz. An Ötisheim. An Ötigheim. Wünsche ihnen von Herzen: Möget auch ihr eines Tages einen Schnörres tragen.
Komm nun langsam zurück. Atme tief ein. Bewege deine Finger und deine Zehen. Spüre ein letztes Mal deine Oberlippe. 6:0 Sätze, sechs Punkte. Ein Schnitt von glatt drei Punkten pro Spiel, Tabellenplatz eins. Dr. Alex hat es auf der Party am Abend noch einmal nachgerechnet. Mehrfach. Mit jedem Drink etwas gründlicher. Dein Schnörres hat seinen Dienst getan. Der Rasierer wartet schon. Er ist geduldig. Bis nächstes Jahr.
Öffne die Augen.
Steh jetzt langsam auf. Geh zum Spiegel. Schau hinein. Und dann frag dich ehrlich: Muss er wirklich schon ab?